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Gemeindeleben

Online-Ausstellung Konfliktlinien

Sprengung

Das Kreuz auf der Weltkugel

Das Kreuz auf der Weltkugel war das Bekenntnissymbol der Jungen Gemeinde. Die SED verunglimpfte es als „Kugelkreuz“, um Assoziationen mit Munition, Gewehrkugeln und dem Fadenkreuz in Zielfernrohren zu wecken. Die Teilnahme an Veranstaltungen der jungen Christen und das Tragen des Symbols als Anstecker wurden bestraft, die Junge Gemeinde als illegale Organisation und „Instrument des Imperialismus“ kriminalisiert. Viele Karrieren junger Christen, die sich in der Kirche engagierten, wurden nachhaltig gehemmt, manche gar zerstört. Die religionsfeindliche Politik der SED-Diktatur wirkte sich auch auf das kirchliche Leben aus.

Städtebauliche Feinplanung Zentrum Potsdam, Entwurf VEB Hochbauprojektierung Potsdam

Im Sommer 1950 hatte das SED-Politbüro die Fragen der Stadtentwicklung zur unmittelbaren Angelegenheit der DDR-Regierung erklärt  und die „16 Grundsätze des Städtebaus“ verabschiedet. Diese galten fortan als gestalterische Leitlinien und stellten den Erhalt von historischen Bauwerken zunächst nicht in Frage. Der Wiederaufbau sollte aber den „fortschrittlichen Traditionen unseres deutschen Volkes sowie den großen Zielen, die dem Aufbau ganz Deutschlands gestellt sind“, unterstellt werden. Bis Anfang der 1960er Jahre stand in den stadtplanerischen Debatten Potsdams die ehemalige Garnisonkirche nicht zur Disposition. Im Gegenteil, die Stadtverordnetenversammlung beschloss 1951, dass die Silhouette Potsdams weiterhin von den drei Kirchtürmen der Heiligen-Geist, der Nikolai- und Garnisonkirche geprägt werden sollte.

Brief: Otto Nuschke an Heilig-Kreuz-Gemeinde

Anfang der 1950er Jahre gingen die Bauarbeiten zur Beseitigung der Kriegsschäden an der Ruine nur langsam voran. Es fehlte nicht nur an Baumaterialen, sondern auch an Finanzen. Die notwendigen Geldmittel stammten aus unterschiedlichsten Quellen. Im Mai 1952 gewährte der stellvertretende Ministerpräsident der DDR, Otto Nuschke, eine finanzielle Beihilfe für die Sicherungsarbeiten an der Garnisonkirche in Höhe von 4.000 Mark. Auf Regierungsebene fand der Erhalt der Kirche Anfang der 1950er Jahre noch Unterstützung.

Walter Ulbrichts „Turmrede“

Erste Anzeichen einer Trendwende zeichneten sich anlässlich der Einweihung der neu erbauten Stalinstadt (heute: Eisenhüttenstadt) 1953 ab. Staatschef Walter Ulbricht formulierte in seiner als „Turmrede“ bekannten Ansprache: "Man hat uns gefragt, ob wir auch Türme bauen. Jawohl, das Gebäude, das die neue Volksmacht repräsentiert, das Rathaus, wird selbstverständlich einen schönen Turm bekommen. Im Stadtplan ist ein schönes Kulturgebäude vorgesehen. Das wird einen noch schöneren Turm bekommen." Mehrere Augenzeugen berichteten, Ulbricht habe ergänzt, dass man weitere Türme, nämlich Kirchtürme, nicht brauche. Allein in Ost-Berlin wurden in den kommenden Jahren 17 Kirchen gesprengt.

Der Aufstand am 17. Juni 1953: Sowjetische Panzer in der Schützenstraße

Der sich verschärfende Kirchenkampf war einer von mehreren Aspekten, die zur wachsenden Unzufriedenheit vieler DDR-Bürger über die politische Repression und die wirtschaftlichen Verhältnisse beitrugen. Am 17. Juni 1953 entlud sich der Unmut der Bevölkerung in einem Volksaufstand, der sich von der Großbaustelle „Stalinallee“ aus über die gesamte DDR ausbreitete. Die SED-Führung war überfordert, die Sowjetunion reagierte mit Gewalt: Mit massivem Einsatz von bewaffneten Einheiten wurde der Aufstand niedergeschlagen.

In den folgenden Jahren wurden allerdings in der DDR im Bereich des nationalen Kulturerbes einige Schutzmaßnahmen durchgeführt. So wurde der Wiederaufbau des Zwingers (Dresden), des Zeughauses (Berlin) und auch anderer historischer Gebäude fortgesetzt.

 

Bericht über die Besichtigung der ehemaligen Garnisonkirche zu Potsdam

Die Heilig-Kreuz-Kirche blieb von den Kirchenbeseitigungsmaßnahmen der SED lange verschont. Der vom Kirchlichen Bauamt nach einer Besichtigung der Ruine und des Turmes erstellte Bericht deutet unmissverständlich darauf hin, dass das Gebäude erhalten bleiben sollte. Die städtebaulichen Zukunftsplanungen drehten sich in den 1950er Jahren ausschließlich um die Gestaltung des Stadtzentrums um den Alten Markt sowie die nördlich und östlich davon gelegenen Gebiete. Noch im Juli 1959 sprach Oberbürgermeister Wilhelm Rescher offiziell vom Wiederaufbau der Garnisonkirche als „fernes Ziel“.

Blick auf den Trümmerberg des gesprengten Stadtschlosses

Unterdessen waren die Umbauarbeiten der Potsdamer Innenstadt zu einer sozialistischen Bezirkshauptstadt in vollem Gange. Ende der 1950er Jahre wurden Gebäude am Platz der Einheit, Am Kanal sowie die Alte Post in der Stalinallee (Neue Königsstraße 169) zum Abriss freigegeben. Die Sprengung des Stadtschlosses erfolgte 1960. Das Bild zeigt den Trümmerberg des Fortuna-Portals und den noch stehenden rechten Kopfbau des Stadtschlosses. Im Vordergrund werden die Trümmer zusammengeräumt. Mitarbeiter der Straßenbahn reparieren die durch die Sprengung beschädigte Oberleitung. Zwei Jahre später wurde der Stadtkanal zugeschüttet und 1965 die Ruine des Schauspielhauses abgetragen.

Aktenvermerk zum bautechnischen Zustand der Kirchenruine

Anfang der 1960er Jahre schaltete sich das Berliner Institut für Denkmalpflege in die Debatte um die Zukunft der ehemaligen Garnisonkirche ein. Im Rahmen einer Besichtigung der Kirchenruine und des Turmes kamen die Experten des Denkmalamtes zu dem Schluss, dass „das Gefüge der tragenden Teile […] nirgends gestört“ sei. Der Bericht gibt einen knappen Überblick über die bisherigen Sicherungsarbeiten. Das Institut für Denkmalpflege zeigte sich fortan engagiert, dem immer noch zerstörten Kirchengebäude eine neue Perspektive zu eröffnen.

Enttrümmerung der Ruine des Kirchenschiffs

Die Initiativen des Instituts für Denkmalpflege Berlin um weitere Sicherungs- und erste Rekonstruktionsarbeiten zum Wiederaufbau der Barockkirche Anfang der 1960er Jahre führten zu einer Enttrümmerung des Kirchenschiffs. Auf freiwilliger Basis begannen die Gemeindemitglieder im Sommer 1962 damit, den Schutt mit einer ausgeliehenen Lorenbahn abzutransportieren. Deren flexibel verlegbare Gleise sind auf diesen Fotos gut zu erkennen.

Besprechung über weitere Sicherungsarbeiten an der Kirche

Im Sommer 1963 verständigten sich auf Einladung des Bezirksbauamts Potsdam das Referat für Kirchenfragen des Rats des Bezirkes Potsdam, das Stadtbauamt und das Institut für Denkmalpflege darauf, dass die ehemalige Garnisonkirche aus städtebaulichen Gründen erhalten bleiben müsse und Sicherungsarbeiten daher „unbedingt erforderlich“ seien. Das Treffen, welches ohne einen Kirchenvertreter stattfand, deutete darauf hin, dass auf lokaler Ebene zu dieser Zeit bei den nichtparteilichen Stellen durchaus noch Zustimmung über den Erhalt des Kirchengebäudes herrschte.

Baugenehmigung für erste Sicherungsarbeiten

Ende 1965 erhielt das Institut für Denkmalpflege schließlich die Baugenehmigung, um die Sicherung des Turmes in Angriff nehmen zu können. Mit den Arbeiten wurde die PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) Potsdam-West beauftragt. Fast die Hälfte der Baukosten steuerte das Institut für Denkmalpflege bei, die andere Hälfte finanzierte die Kirche. Bis Sommer 1966 waren schließlich zwei von fünf geplanten Betonzwischendecken im Turm eingebaut. Doch dann konnte nicht weitergebaut werden.

Zuarbeit für die SED-Bezirksleitung betreffs Garnisonkirche

Die Aktivitäten um den Wiederaufbau der Kirche führten im Sommer 1966 zu Kompetenz-Streitigkeiten zwischen dem Institut für Denkmalpflege auf der einen und den lokalen SED-Vertretern auf der anderen Seite. Innerhalb der SED-Bezirksleitung betrachtete man die Sicherungsarbeiten mit Argwohn und vermutete, dass „einige Personen der Denkmalpflege sehr daran interessiert sind, die Gelegenheit zur Konservierung der Ruine und ihren späteren Ausbau zu nutzen.“ Die Notiz über die am 12. August tagende Parteigruppensitzung der SED des Rates der Stadt Potsdam hielt fest: „Zum Abriss der Ruine der Garnisonkirche herrschte […] Klarheit.“ Somit war Anfang August die Beseitigung der Ruine beschlossen worden, auch wenn dies nicht öffentlich gemacht wurde.

Baustopp und Sperrung der Kirche

Am 29. September 1966 wurde die Baugenehmigung nicht verlängert. Unter dem Vorwand der Baufälligkeit untersagte die Staatliche Bauaufsicht Ende Oktober sogar die Nutzung der Ruine ab 1. November. Mit dem Verbot wurde um die Heilig-Kreuz-Kirche ein zweiter Zaun errichtet, der nicht nur der Sicherung der Bevölkerung vor losen Bauteilen dienen, sondern auch die Durchsetzung der Sperrung der Kapelle gewährleisten sollte. Das Foto zeigt beide Zäune, den ersten Bauzaun unmittelbar vor der Kirche und den zweiten, der Ende 1966 in weiterem Abstand auf der Mitte der Fahrbahn errichtet wurde und nicht mit einer Tür versehen war. Damit wurden öffentlich Tatsachen geschaffen, die auf den Abriss des Gebäudes hindeuteten.

Protokoll der Aussprache über die Sperrung der Kirche

Unmittelbar nach dem Baustopp an der Heilig-Kreuz-Kirche fanden mehrere Treffen zwischen Vertretern der Kirchengemeinde mit der Staatlichen Bauaufsicht statt, um die Gründe für die Sperrung des Turmes zu erörtern. Das dem Rat der Stadt vorgelegte Protokoll der ersten Besprechung am 4. Oktober 1966 offenbart unmissverständlich die Intention der städtischen Vertreter, mit dem Argument der „erheblichen baulichen Mängel“ die Gemeinde zur Aufgabe der Nutzung der Kirche als Gottesdienstort zu bewegen. Die Kirchenvertreter verstanden, dass damit ein „erster Schritt zum Abriss der Kirche“ gegangen werden sollte. Das ausführliche Dokument gibt einen Einblick in das konfliktgeladene Miteinander zwischen Kirche und Staat Mitte der 1960er Jahre.

Protokoll einer dritten Aussprache über die Absperrung der Kirche

In den weiteren Treffen nach der Sperrung der Kirche verwiesen die örtlichen Behörden stets darauf, dass über die Zukunft der Kirche „an höherer Stelle entschieden werden“ müsse. Zugleich versicherten sie, dass ihnen von einem „geplanten Abbruch der Kirche“ nichts bekannt sei. Es zeichnete sich bereits hier ab, dass alle kirchlichen Versuche zu intervenieren auf lokaler Ebene ins Leere laufen mussten.

Telegramm an die Regierung der DDR

In diesem Telegramm, welches die Kirchenvertreter an den Rat des Bezirks Potsdam, den Staatssekretär für Kirchenfragen, den Ministerpräsidenten und den Staatsrat adressierten, äußerten sie ihre Sorge, dass die „Heilig-Kreuz-Kirche in Potsdam abgerissen werden soll.“ Mit Verweis auf die vor Ort artikulierte Nichtzuständigkeit baten Sie um Vermittlung in diesem Konflikt sowie um eine verbindliche und amtliche Aussage über die staatlichen Vorhaben bezüglich der Kirche. Diese und weitere Bitten der Kirchenvertreter um eine offizielle Begründung der getroffenen Maßnahmen blieben ohne die erwünschte klare Antwort. In der Folge begannen die staatlichen Stellen eine Zermürbungstaktik mit dem Ziel, die Kirchengemeinde zur Aufgabe der Heilig-Kreuz-Kirche als Gottesdienstort zu drängen. Es folgte ein zwei Jahre dauernder Kampf der Kirche gegen den Abriss des Gebäudes.