Einführung

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die in Potsdam stationierten Truppen und deren Divisionspfarrer an die Front verlegt. Die Gunst der Stunde nutzend versuchte die Wehrmacht gar, die Garnisonkirche „aus Traditionsgründen“ als altehrwürdige Kulturstätte in das Eigentum der Heeresverwaltung zu überführen. Die Zivilgemeinde bekräftigte hingegen deren ausschließlich kirchliche Nutzung. Wie in der ganzen Gesellschaft prägte der Krieg den Alltag der Garnisonkirche, die im April 1945 nach einem Bombenangriff weitgehend ausbrannte.

Das schwingende Glockengeläut

Als einzige Potsdamer Kirche verzichtete die Garnisonkirche lange Zeit auf ein schwingendes Glockengeläut. Unter Friedrich Wilhelm I. rief stattdessen ein Trommelwirbel die Soldaten zum Gottesdienst. Später installierte man eine Mechanik, welches mit Glocken des Glockenspiels eine schwingende Glocke nachahmte. Im Vorfeld des 200-jährigen Glockenspiel-Jubiläums 1935 beantragte der verantwortliche Glockenexperte Eugen Thiele zum Schutz des einmaligen Glockenspiels den Einbau eines schwingenden Geläuts, welches aus Kostengründen zunächst abgelehnt wurde. Erst als es gelang, für die vier Glocken Stifter zu finden, konnte 1938 der Auftrag zum Glockenguss erteilt werden. Die Fotoserie zeigt ihre Einholung am 29. April 1939, als sie feierlich vom Bahnhof bis zur Garnisonkirche geleitet wurden. Anfang Mai erfolgte der Aufzug und am 21. Mai nahmen fast 3.000 Gäste am feierlichen Festgottesdienst zur Einweihung des neuen Geläuts teil, unter ihnen Reichskirchenminister Hanns Kerrl.

Bundesarchiv | Bestand Film: BSP-16370, 1939

Wochenschau-Ausschnitt

Die Einholung der neuen Glocken für die Potsdamer Garnisonkirche und ihre Aufhängung im Turm schienen von reichsweitem Interesse zu sein, denn auch die Wochenschau sendete einen Bericht von diesem Ereignis mit beeindruckenden Bildern ins ganze Land.

Die vom Verlag Bonneß & Hachfeld gestiftete Luisenglocke

Als Glockenstifter engagierten sich: Die Evangelische Wehrmachtgemeinde Potsdam für die größte Glocke (Friedrich-Wilhelm-Glocke), die Zivilgemeinde für die zweitgrößte (Friedrich-II-Glocke), der Verlag Bonneß und Hachfeld für die Luisenglocke und der Kyffhäuserverband (Kreisverband im NS-Reichskriegerbundes) für die kleinste Glocke, die so genannte Hindenburgglocke.

Stiftungsurkunde

Der Verleger August Bonneß gehörte seit Anfang der 1920er Jahre der Gemeindevertretung der Zivilgemeinde an. Er stand dem NS-Regime kritisch gegenüber. Wegen negativer Äußerungen wurde er denunziert und am 23. August 1943 von der Gestapo festgenommen. Er war auch in der Lindenstraße inhaftiert. Der Erste Senat des Volksgerichtshofs unter NS-Richter Roland Freisler verurteilte ihn am 8. Juli 1944 in Potsdam wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „Feindbegünstigung“ zum Tode. Das Urteil wurde am 4. Dezember 1944  in Brandenburg/Görden vollstreckt.
Bei der Verhandlung anwesend waren unter anderem die späteren Widerständler Ewald Heinrich von Kleist-Schmenzin, Fritz-Dietlof von der Schulenburg, Georg-Sigismund von Oppen und Hans-Karl Fritzsche. Schulenburg schlussfolgerte aus dem Prozess: „Wir müssen das hier genau beobachten für den Fall, daß wir selber drankämen. Es war ohne Zweifel ein Warnsignal des Herrn Dolega für uns.“ Der Potsdamer Gestapo-Chef Heinrich von Dolega Kozierowski hatte ihnen die Einladungskarten für die Volksgerichtssitzung zukommen lassen.
Bonneß war auch ein wichtiger Kirchensteuerzahler der Zivilgemeinde. Der Gemeindekirchenrat stellte im März 1944 einen Rückgang der Kirchensteuerbeträge fest, „der vor allem infolge Ausfalles der Steuerzahler Bonneß und Rollfinke über 10.000 RM im Jahr beträgt.“

NS-Kriegspropaganda: „Heute früh Gegenangriff unserer Wehrmacht.“

Mit dem als Verteidigungshandlung verklärten Überfall der Wehrmacht auf Polen begann der Zweite Weltkrieg. Auch die in Potsdam stationierten Truppen wurden an die Front verlegt, und mit ihnen die Militärpfarrer Damrath, Doehring und Heidland. Die abrückenden Regimenter wurden in einem Sonntagsgottesdienst am 3. September 1939 traditionell gesegnet. Die kirchenamtlichen Aufgaben an der Garnisonkirche übernahmen nun meist Pfarrer im Nebenamt oder auch Pfarrer der anderen Kirchengemeinden. Zurück blieben die Ersatzbataillone und Ausbildungseinheiten. Nach dem schnellen Einmarsch der Wehrmacht in Polen befahl Hitler, dass reichsweit sieben Tage hintereinander mittags für eine Stunde die Kirchenglocken zu erklingen haben. Wie in vielen anderen Kirchen auch läutete das neue schwingende Geläut der Garnisonkirche als Zeichen des Dankes für den Sieg und zum Gedenken an die deutschen Gefallenen.

Schreiben der Reichsstelle für Metalle an den Regierungspräsident in Potsdam betreffs Glocken

Ab 1940 mussten die Kirchen ihre Bronzeglocken als Metallspende für die Rüstungsproduktion abgeben. Alle Versuche, für die Garnisonkirche wie schon im Ersten Weltkrieg eine Ausnahmeregelung zu erreichen, scheiterten. Im April 1942, nur drei Jahre nach ihrer Einweihung, wurden drei der vier neuen Glocken des schwingenden Geläuts demontiert und in das Hamburger Glockenlager abtransportiert. Dort sammelten sich etwa 90.000 Glocken aus ganz Norddeutschland, von denen etwa 75.000 eingeschmolzen wurden, darunter auch die größte Glocke der Garnisonkirche. Die beiden mittleren Glocken, die Friedrich-II-Glocke und die Luisenglocke kehrten 1948 nach Potsdam zurück und hängen seitdem in der Erlöserkirche.

Befehl zur Verlagerung der beiden Königssärge sowie der Kränze und Fahnen aus der Garnisonkirche

Bereits im Frühjahr 1943, als der Vormarsch der Wehrmacht in Europa gestoppt war, evakuierten Soldaten auf Befehl Adolf Hitlers die beiden Königssärge und zahlreiche Fahnen, Bandoliere und Kränze in einer Nacht- und Nebelaktion aus der Garnisonkirche und brachten sie in den Bunker des Oberkommandos der Luftwaffe nach Potsdam-Wildpark. Von dort begann kurz vor Kriegsende 1945 die Odyssee der beiden Särge, welche über einen Bergwerksstollen in Niedersachsen führte, bevor beide 1952 in die Hohenzollernburg bei Hechingen überführt wurden. Am 17. August 1991 wurden sie schließlich wieder nach Potsdam überführt. Seitdem ruhen die Überreste Friedrich Wilhelms I. im Kaiser-Friedrich-Mausoleum an der Friedenskirche und die Friedrichs II. an dem von ihm ursprünglich festgelegten Ort neben dem Schloss Sanssouci.

Das Ringen um die Kirchennutzung

Unmittelbar vor und auch nach Beginn des Zweiten Weltkriegs setzte sich das Ringen um die verschiedenen Nutzungsinteressen der Garnisonkirche fort. Die gezeigten Dokumente verdeutlichen die unterschiedlichen Interessen. Im Vorfeld der umstrittenen Anfrage der Hitlerjugend, im Januar 1939 eine erneute Fahnenweihe in der Garnisonkirche durchführen zu wollen, beantragte das Potsdamer Generalkommando, die Garnisonkirche „nur noch unter die Oberhoheit der Wehrmacht zu stellen“, um die Zuständigkeitsfragen endgültig zu klären. Dem stimmte Reichskirchenminister Hanns Kerrl jedoch nicht zu, sondern bestätigte die bisherige Aufteilung der Zuständigkeiten. Im Jahr 1944 stellte schließlich die Zivilgemeinde beim Feldbischof Dohrmann den Antrag um eine Entscheidung auf höchster Ebene, dass die Garnisonkirche „nur für rein kirchliche Feiern und Veranstaltungen zur Verfügung gestellt soll.“ Vorausgegangen war wieder der Antrag der Hitlerjugend, im März 1944 eine erneute Feier in Kirche abhalten zu dürfen, welche die Zivilgemeinde ablehnte. Auch sie kritisierte die wiederholte politische Inanspruchnahme des Gebäudes und wünschte eine verbindliche Klärung, die allerdings nicht mehr erfolgte.

Vereidigung von Rekruten des Infanterie-Regiment Nr. 9 in Potsdam

Zu den Widerstandskämpfern des 20. Juli 1944 gehörten 21 Angehörige des Potsdamer Infanterie-Regiments Nr. 9 (IR 9), deren Kaserne sich in der nahe bei der Garnisonkirche gelegenen Priesterstraße befand. Die meisten von ihnen hatten sich aber nur kurz dort aufgehalten, und gehörten dann – wie die anderen Militärs auch – der Militärgemeinde an. Henning von Tresckow und Fritz-Dietlof von der Schulenburg berichteten auch von einer persönlichen Beziehung zur Garnisonkirche. Mit ihrer meist humanistischen Bildung, ihrem konservativ-rechtsstaatlichen Denken und ihrer preußisch-adligen Prägung, oft verknüpft mit christlichem Glauben, fühlten sich manche von Ihnen einem besonderen Verantwortungsbewusstsein verpflichtet. Dennoch fanden sie zu unterschiedlichen Zeiten und auf individuellen Pfaden ihren Weg in den adlig-konservativen Widerstandskreis, der das Attentat auf Hitler vorbereitete und am 20. Juli 1944 durchführte. Das Regiment bildete unter Gleichgesinnten zwar eine Plattform, war aber nicht ihr Zentrum. Die konspirativen Treffen fanden auch nicht in der Garnisonkirche statt, sondern eher in den Privatwohnungen der bürgerlich-aristokratischen Hitlergegner. 

Einladung zur Geistlichen Rüstwoche

Vor dem Hintergrund der nahenden Front und den regelmäßigen Fliegerangriffen auf Berlin und Potsdam lud Pfarrer Hans Mühle Anfang April 1945 zu einer Geistlichen Rüstwoche ein, einer Art Evangelisationswoche. Thematisch sollten eingerahmt von zwei Sonntagsgottesdiensten unter der Woche in Abendveranstaltungen die einzelnen Bitten des Vaterunsers in den Blick genommen werden. Am Samstagabend stand die 7. Bitte unter der Überschrift „Unser Sieg über das Böse“ auf dem Programm, es handelte sich dabei um den Vers „…sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Eineinhalb Stunden nach Ende des Abends wurde Potsdam Ziel des britischen Bombenangriffs. Die Garnisonkirche mitsamt Turm wurde von einem übergreifenden Feuer erfasst und brannte von innen aus.