Einführung

Die Garnisonkirche umwehte die Aura vergangener Größe. In ihrer Gruft waren die Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große begraben. Letzterer hatte Preußen im 18. Jahrhundert als europäische Großmacht etabliert. Die im 19. Jahrhundert mit Kriegstrophäen ausgeschmückte Garnisonkirche diente als Ruhmeshalle des preußischen Aufstiegs. Nationalkonservative Kreise stilisierten sie nach dem Ende der Monarchie zum Erinnerungsort einer aus ihrer Sicht glorreichen preußisch-deutschen Militärtradition.

Fahne vom 151. Linieninfanterie-Regiment, Frankreich, im April 1814 in Glogau erbeutet

Seit dem Ende der Befreiungskriege gegen Napoleon diente die Garnisonkirche als militärische Kultstätte. In der Kirche erinnerten feierlich geweihte Fahnen und Standarten der auf dem Schlachtfeld besiegten Gegner an die Erfolge. Sie versinnbildlichten als Kriegstrophäen den Wiederaufstieg Preußens zur europäischen Großmacht im 19. Jahrhundert. Nach dem Kirchenumbau von 1898 waren an den Pfeilern der Garnisonkirche in speziellen Fahnenkörben und effektvoller Schrägstellung insgesamt fast 200 Fahnen und Standarten angebracht. Sie stammten wie diese französische Regimentsfahne aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon 1813-1815, aus dem Schleswig-Holsteinischen Krieg 1848-1851, dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864, dem Deutsch-Deutschen Krieg zwischen Preußen und Österreich 1866 sowie dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71.

Blick in den Innenraum der Garnisonkirche mit den Fahnen und Standarten sowie den Gedenktafeln an den Wänden

Ergänzt wurden die Fahnen und Standarten der Besiegten um an den Wänden angebrachte Gedenktafeln für die preußischen Gefallenen und für Truppenteile, die sich durch besondere Tapferkeit in diesen Kriegen hervorgetan hatten. Die Garnisonkirche diente damit auch als zentrale preußische Heldengedenkstätte. Die erbeuteten Fahnen bildeten mit den Gedenktafeln den Rahmen für große Festgottesdienste, mit denen die Garnisonkirche 1912 den 200. Geburtstag Friedrichs II., 1913 das 25-jährige Thronjubiläum Wilhelms II. und 1914 den Abschied der hinausziehenden Potsdamer Truppen in den Weltkrieg beging. In den Festpredigten verknüpften die Hofprediger die militärischen Erfolge auf den Schlachtfeldern mit einem besonderen Sendungsbewusstsein Preußens. In der Garnisonkirche vermischten sich somit nationale, militärische und religiöse Elemente. Die Bandbreite reichte von der aufrichtigen Hingabe an Gott bis zur aufopferungsvollen Hingabe für das deutsche Vaterland.

Standarte des Kürassier-Regiments Garde du Korps aus der Königsgruft, mit Fahnenband und Stange

Um nach der Niederlage des deutschen Kaiserreichs 1918 die Beschlagnahme der in der Garnisonkirche präsentierten Trophäen durch die Entente-Mächte zu umgehen, wurden diese ins Berliner Zeughaus verbracht. In Potsdam nahmen nun die Feldzeichen von aufgelösten Regimentern der preußischen Armee den Platz der einstigen Beutestücke ein. Auch direkt neben den Särgen in der Gruft wurden Fahnen und Standarten platziert wie diese Standarte des Garde du Korps Regiments. Dieser Fahnenaustausch symbolisiert den Wandel des Ortes: Die Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit mit heroischem Zukunftsvermächtnis verschmolz mit der Trauer über die verlorene Machtposition und dem Wunsch ihrer Rückgewinnung. Die Garnisonkirche entwickelte sich vor allem für militärische und nationalkonservative Kreise zum zentralen Erinnerungsort einer preußisch-deutschen Traditionspflege. 

Bundesarchiv | Bestand Film: B-121134, 18.01.1931

Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871

Bei besonderen Anlässen wie dem 60-jährigem Jubiläum der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 
wurden die historischen Fahnen und Standarten der aufgelösten Regimenter als gelebte Tradition aus ihrem Museumsdasein erweckt und von Reichswehrtruppen feierlich zur Schau getragen. Hier präsentierte die Ehrenkompanie des Potsdamer Infanterie-Regiments Nr. 9 die historischen Feldzeichen und brachte sie aus der Garnisonkirche zum Exerzierplatz vor dem Stadtschloss. Dass die Gründung des Kaiserreichs mit der Krönung Wilhelms I. zum deutschen Kaiser so aufwändig zelebriert wurde und der in der Weimarer Republik andernorts gefeierte Verfassungstag am 11. August in Potsdam wenig Beachtung fand, unterstreicht die politische Grundstimmung in der ehemaligen Residenzstadt.

Karikatur: An die Kurzsichtigen: „Ihr sucht die Wahrheit? Wenn sie aber erscheint, wünscht ihr sie zu allen Teufeln!“

Anlässlich ihres einjährigen Gründungstages initiierte die rechtskonservative Deutschnationale Volkspartei (DNVP) am 24. November 1919 eine Gedächtnisfeier zu Ehren der 1.800 Potsdamer Gefallenen des Weltkrieges in der Garnisonkirche. Vor vollen Rängen predigte Johann Rump, Pfarrer der Heilig-Geist-Kirche in Berlin-Moabit und in den 1930er Jahren als Mitglied der Deutschen Christen an der Friedenskirche Potsdam. Er redete der wenige Tage zuvor von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg erstmals formulierten Dolchstoßlegende das Wort. Nach dieser sei das deutsche Heer „im Felde unbesiegt“ geblieben. Die Schuld an der Niederlage liege bei „vaterlandslosen Zivilisten“ in der Heimat. Rump erinnerte weiter an die „heilige Verpflichtung“ zur Errichtung einer „vom Volkswillen getragenen Monarchie“ und äußerte die Hoffnung, dass „Gott das neue Deutschland mit neuer Kraft und neuer Macht segnet.“

General Erich Ludendorff empfängt Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg in seiner Wohnung in Berlin

Den reaktionären Ausführungen Rumps folgte als Höhepunkt der Veranstaltung die Rede Erich Ludendorffs, der als heimlicher Führer der letzten Obersten Heeresleitung neben Hindenburg große Verehrung genoss. Auch er agitierte in der Garnisonkirche gegen die Weimarer Republik und beschwor den „alten Preußengeist“ von „Pflichttreue und Vaterlandsliebe“, der „uns groß gemacht hat.“ Die Versammlung reagierte mit donnerndem Applaus, Hochrufen auf den Kaiser und das Vaterland sowie dem Singen des Deutschlandliedes. In der zeitgenössischen Presse erregte die Veranstaltung große Aufmerksamkeit. Am Tag darauf folgte ein spontaner Auflauf vor dem Pfarrhaus, in dem Ludendorff nächtigte. Erneut sprach der General zu den jubelnden Massen über Preußengeist und Militarismus.

Georg Schöbel: Fridericus immortalis – der unsterbliche Alte Fritz

Zentraler Bestandteil des Preußenkults in der Garnisonkirche war auch der Mythos um Friedrich den Großen, der neben seinem Vater, dem Soldatenkönig, aber gegen seinen Willen in der Gruft der Garnisonkirche beigesetzt war. Er galt als tugendhafter und von Gott begnadeter Herrscher, der Preußen durch mehrere erfolgreiche Kriege als Großmacht in Europa etablierte hatte. In der Gruft als Reliquie gegenwärtig und damit Bindeglied zwischen Diesseits und Jenseits, erblickten nach der Kriegsniederlage viele in ihm einen Hoffnungsträger, der eine bessere Zukunft verhieß. Das um die Jahrhundertwende entstandene Ölgemälde des Berliner Historienmalers Georg Schöbel war in der Weimarer Republik weit verbreitet. Das Motiv von der christusgleichen „Auferstehung“ des Alten Fritz aus seiner Potsdamer Gruft verdeutlicht die  Ablehnung der jungen Demokratie und die Sehnsucht nach dem Wiederaufstieg des deutschen Reiches zur Großmacht. 

Wahlplakat der DNVP zur Landtagswahl in Preußen am 24. April 1932: „Rettet mir mein Preußen“

In den Reichstagswahlkämpfen der Weimarer Republik bedienten sich vor allem die konservativen Parteien wiederholt der preußischen Traditionen und dabei auch der „Autorität“ des Alten Fritz. Diese Indienstnahme einer glorifizierten preußischen Vergangenheit als Hoffnungsperspektive für eine vermeintlich bessere Zukunft jenseits des Parlamentarismus traf im bürgerlich-konservativ und militärisch geprägten Potsdam auf viel Zuspruch. Gerade in der ehemaligen kaiserlichen Residenzstadt lehnten viele Bürger die neue parlamentarische Demokratie ab. Der deutschnational geprägte Magistrat der Stadt genehmigte ab Mitte der 1920er Jahre zunehmend die nationalistischen Kundgebungen rechtskonservativer und paramilitärischer Verbände, welche in der Tradition vergangener Militärparaden meist im Luftschiffhafen, auf dem Bassinplatz oder im Lustgarten aufmarschierten.

Wahllokal im Gemeindesaal der St. Nikolaikirche in Potsdam

Viele Potsdamer Bürger waren politisch und kulturell der preußisch-monarchischen Herrschaft verbunden geblieben. Dies spiegelte sich auch in den Wahlergebnissen wider: Im Potsdamer Stadtparlament stellte die rechtskonservative Deutschnationale Volkspartei (DNVP) von 1919 bis 1932 mit Abstand stets die stärkste Fraktion. Die beiden Oberbürgermeister Kurt Vosberg (bis 1923) und Arno Rauscher (bis 1934) waren ebenso wie der Polizeipräsident Henry von Zitzewitz Mitglied der DNVP. Auch bei den Wahlen zum preußischen Landtag, zur Nationalversammlung und zum Reichstag erhielt die DNVP bis Anfang der 1930er Jahre klar die meisten Stimmen und lag damit weit über den Reichsdurchschnitt. Bei den Reichstagswahlen votierte bis Mitte der 1920er Jahre jeder zweite Potsdamer für die DNVP, während im Arbeiterbezirk Nowawes die Sozialdemokraten die meisten Stimmen erhielten.

Aufmarsch des Bismarckbunds, der Jugendorganisation der DNVP, vor der Garnisonkirche

Die Garnisonkirche diente mit ihrer Aura den rechtsnationalen, konservativen und antidemokratischen Veranstaltungen oft als ideale Kulisse für politische Kundgebungen oder paramilitärische Aufmärsche. Wie kein zweites Gebäude betrachteten sie viele als Symbol einer vergangenen preußisch-deutschen Größe. Bisweilen reichte auch nur der Vorbeimarsch an der Kirche, um diese Wirkkraft zu entfalten. Die besondere Bedeutung des symbolisch aufgeladenen Erinnerungsortes sicherte ihnen zudem überregionale Aufmerksamkeit. Der Parade des Bismarckbundes ging ein Festgottesdienst in der Garnisonkirche voraus. Vor zahlreichen Ehrengästen marschierten die Fahnenträger ein, um Standarten und Wimpel im Altarbereich zu platzieren. Die Predigt hielt der Charlottenburger Pfarrer Walter Hoff, der für seine Nähe zum Nationalsozialismus bekannt war. Auch die  NSDAP versuchte seit Anfang der 1930er Jahre, ihre Veranstaltung im Schatten des mythisch aufgeladenen Sehnsuchtsortes zu platzieren.

Gutfilm Medienproduktion, 19.03.2013

Zeitzeugenbericht von Wilhelm Stinzing

Der 1914 geborene Wilhelm Stinzing lebte seit 1919 in Potsdam. Er wurde in der Garnisonkirche konfirmiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er bis zu seiner Pensionierung 1979 als Pfarrer in Groß Glienicke und Potsdam tätig. Stinzing beschreibt in diesem Vortrag die politische Situation Anfang der 1930er Jahre. Anschaulich erinnert er sich vor dem Hintergrund der hohen Arbeitslosigkeit an die schwierige soziale Lage vieler Menschen und an die Attraktivität, welche die Massenveranstaltungen der NSDAP auf sie ausübten. In Potsdam wählten bei den Reichstagswahlen im Frühjahr 1932 41,3 Prozent der Einwohner die NSDAP, im Herbst stimmten 32,2 Prozent und im März 1933 sogar 44,0 Prozent für die Nationalsozialisten.