Einführung

Die Garnisonkirche war mit ihrem über 88 Meter hohen Turm bis 1945 das höchste Gebäude der Stadt. Als ein Hauptbauwerk des preußischen Barocks prägte sie den berühmten Potsdamer Dreikirchen-Blick. Nicht nur die innere Ausschmückung, sondern auch die äußere Architektur war weit über die Potsdamer Stadtgrenzen hinaus sichtbares Zeichen von gleichermaßen preußischem Machtanspruch und königlichem Herrschaftsverständnis.

Der Potsdamer Dreikirchen-Blick vom Babelsberger Park aus

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges prägten die Türme der Heilig-Geist-, Nikolai- und Garnisonkirche die klassische Stadtsilhouette Potsdams. Die drei Gotteshäuser wurden unter der Regentschaft von Friedrich Wilhelm I. zwischen 1721 und 1735 errichtet. Der Soldatenkönig baute Potsdam zu einer großen „Grenadierkaserne“ um. Die Einwohnerzahl stieg von 1.500 im Jahr seines Regierungsantritts 1713 auf 15.208 im Jahr seines Todes 1740, darunter etwa 3.500 Soldaten. Der ersten Stadterweiterung von 1722 folgte im Jahr 1733 bereits die zweite. In nur drei Jahrzehnten erhielt Potsdam seine militärische Prägung. Panoramen mit dem Dreikirchen-Blick waren seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ein weit verbreitetes Postkartenmotiv.

Der Turm der Garnisonkirche

Der 88,4 Meter hohe Turm war das höchste Bauwerk Potsdams und für die Breite Straße von besonderer städtebaulicher Prägnanz. Die nach Plänen Philipp Gerlachs errichtete Kirche galt als bedeutendster Sakralbau des preußischen Barocks. Anlässlich der Fertigstellung der Hof- und Garnisonkirche 1735 ließ der Bauherr König Friedrich Wilhelm I. eine Widmungstafel am Turm anbringen. Über dem Hauptportal zur Breiten Straße stand in goldenen Majuskeln einer feierlichen Antiqua:
FRIDERICH WILHELM / KÖNIG IN PREUSSEN / HAT DIESEN TURM NEBST DER GUARNISON / KIRCHE ZUR EHRE GOTTES ERBAUEN LASSEN.
Es fällt auf, dass die eigentliche Kirche hier nur als Nebenbei des Turmes erwähnt wird.


Eingangsportal des Turmes

Den Haupteingang zur Breiten Straße umrahmten Reliefbilder von Waffenbündeln mit Gewehren, Schwertern, Pfeilen und Bogen, Pistolen sowie klassische Militärinstrumente wie Trompeten und Trommeln als Zeichen der gesicherten Herrschaft Preußens. Über dem Portal befand sich ein Volutengiebel mit mehreren Helmen und Brustharnischen. Die drei zurückspringenden Turmabsätze zierten an den vier Ecken Trophäengruppen, die den einzigartigen Charakter des Turms untermauerten. Sie zeigten antiken Vorbildern folgend Brustpanzer, Helme mit Dekor, gestaltete Schilde und verschiedene militärische Feldzeichen.

Die originalgetreu rekonstruierte Wetterfahne

Auf der Turmspitze thronte weithin sichtbar die Wetterfahne. Sie zierte kein Kreuz mit Wetterhahn, sondern eine Königskrone mit Reichsapfel, auf dem wiederum ein Gestell mit einem Adler, der sich der Sonne entgegenstreckte, und dem Monogramm des Königs befestigt war. Die Deutungen der Wetterfahne sind verschieden. Oft wird sie als Sinnbild des Leitspruchs Friedrich Wilhelm I. betrachtet, das sich gegen den französischen Sonnenkönig gerichtet haben soll: „Nec soli cedit“ (Nicht [einmal] der Sonne weicht er). Doch das Motiv kann sich auch auf ein Bibelwort aus Jesaja 40,31 beziehen: „Die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ Die Wetterfahne brachte somit auch zum Ausdruck, dass der gottesfürchtige Monarch das Wohl seines Staates unter den Segen Gottes stellte. Sie kann also beides vereinen, den preußischen Machtanspruch mit dem königlichen Herrschaftsverständnis, die Verbindung von weltlicher errungener Herrschaft mit von Gottes Gnaden verliehener Macht.

Blick auf Kanzel und Eingang zur Gruft

Im Gegensatz zum Turm war das Kirchenschiff außen nur mit wenigen Reliefs verziert. Auch der Innenraum der Kirche war zunächst eher schlicht gestaltet. Umso mehr stach der monumentale Kanzel-Gruft-Bau im Zentrum hervor. Der auch als „Königliches Monument“ bezeichnete Marmor-Komplex griff die bereits am Turm verwendeten Symboliken wieder auf: Bündel mit Waffen und Feldzeichen als Relief an den Säulenfüßen, zwei gekrönte Adler als Wappentiere von Brandenburg und Preußen und antik anmutende Soldatenfiguren auf dem Giebel, welcher von einer vergoldeten Strahlensonne um das Gottesauge gekrönt wurde. Die Kanzel aus weißem Marmor zierte wiederum die Reliefdarstellung des zur Sonne auffliegenden Adlers ergänzt mit dem Spruchband „Non soli cedid“. Unter der Kanzel befand sich die Gruft. Der Prediger musste erst eine Treppe über die Grabstätte nehmen, um die Kanzel zu erreichen. Das verstärkte bei Zeitgenossen die Aura des Ortes und nährte die Sehnsucht, die aus ihrer Sicht glorreichen Jahre der preußischen Vergangenheit in die Gegenwart der 1920er Jahre zu projizieren.

Blick auf die Königsloge während und nach der Modernisierung 1897

Der ursprünglich im calvinistischen Sinne schlicht gestaltete Innenraum der Garnisonkirche wurde 1897/98 auf Initiative Wilhelms II. im neobarocken Stil umgebaut. Zu den aufwendigen Veränderungen gehörten die reichhaltige Verzierung der Emporenbrüstungen, der Einbau von Marmorsäulen, das Anbringen von Stuckelementen und Goldverzierungen. Direkt gegenüber der Kanzel befand sich die Königsloge. Diese Gegenüberstellung manifestiert das damalige protestantische Selbstverständnis der Herrschenden: Der Hofprediger legte seinem Kirchenherrn, dem König, quasi  vis-à-vis das Wort aus und bat unter dem Auge Gottes um dessen Gnade für den Monarch.

Der neue Altar von 1910 aus Marmor

Zum 175-jährigen Jubiläum der Kirchenweihe 1910 stiftete Kaiser Wilhelm II. der Garnisonkirche einen prachtvollen Altar aus Marmor, der den bis dahin verwendeten Altartisch aus Holz dauerhaft ersetzte. An der Vorderseite verwies eine Reliefgruppe aus Totenhelm, kurbrandenburgischem Zepter und Kurschwert auf die Könige in der Gruft. An den Seiten zierten zwei Engelsfiguren den Altar, die Jubel und Gesang versinnbildlichten. Die dem Grufteingang zugewandte Seite schmückte ein Abendmahlskelch, welcher die spirituelle Gemeinschaft der Lebenden mit den Toten in Gottes Gegenwart während der heiligen Eucharistiefeier zum Ausdruck brachte.

Prof. Otto Becker am Glockenspiel, 07.08.1944

Prof. Otto Becker am Glockenspiel der Garnisonkirche

Diese Filmaufnahmen entstanden nur wenige Monate vor der Bombennacht auf Potsdam im April 1945, infolge deren der Kirchturm ausbrannte und das weit über die Stadt hinaus bekannte holländische Glockenspiel zerstört wurde. Der 74-jährige Kirchenmusikdirektor Prof. Otto Becker bedient die Manuale des Glockenspiels. Der Kantor, Organist und Glockenspieler stieg seit seiner Berufung 1910 mehr als 2.000 Mal die 365 Stufen hinauf, um die 40 Glocken zum Klingen zu bringen. Seit 1797 intonierte die in 65 Metern Höhe gelegene „Singeuhr“, wie die Potsdamer es später nannten, zu jeder vollen Stunde einen geistlichen Choral („Lobe den Herren“) und zu jeder halben Stunde ein weltliches Lied („Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“). Zu besonderen Anlässen erklangen auch nationalistische Volkslieder wie die preußische Hymne „Heil dir im Siegerkranz“.

"Üb' immer Treu und Redlichkeit", Deutsches Rundfunkarchiv | Nr. 28124

„Lobe den Herren“, Deutsches Rundfunkarchiv | Nr. 1890833, 1933

Im Radio übertragenes Glockenspiel der Potsdamer Garnisonskirche

Als Mitte der 1920er Jahre der Ausbau des Rundfunks zum Massenmedium voranschritt, durfte auch das Potsdamer Glockenspiel als damals eines der Bekanntesten in Europa nicht fehlen. Die erste Rundfunkübertragung am Ostersonntag 1928 (8. April) mit dem Stundenlied „Lobe den Herren“ scheiterte. Erst der zweite Versuch einer Live-Ausstrahlung zehn Tage später gelang. Etwa 200 Choräle und Lieder setzte Prof. Otto Becker, der von 1915 bis 1934 auch als Organist der Potsdamer Synagoge wirkte, mehrstimmig für das Glockenspiel. Viele seiner Konzerte übertrug der Rundfunk selbst in ferne Länder. Die Rundfunkausstrahlung des einzigartigen holländischen Glockenspiels unterstrich die überregionale Bekanntheit und Bedeutung des Bauwerks weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Blick in das Glockenspiel, im Hintergrund die Nikolaikirche

Anfang 1931 beantragte der Gemeindekirchenrat, das Glockenspiel so einzustellen, dass die Choräle genau mit Beginn der vollen bzw. halben Stunde beginnen. Der Magistrat der Stadt Potsdam hatte zugestimmt. Die preußische Regierung allerdings erfuhr erst nach der Umstellung und zeigte sich als Eigentümer äußerst pikiert, da nicht der Choral, sondern die Uhrenglocke die Zeit angebe. Die Regierung empfahl, auch „da das Glockenspiel durch die Berliner Rundfunksender übernommen zu werden pflegt“, das Vorhaben einer erneuten Prüfung zu unterziehen. Denn die Veränderung hatte nicht nur für die Bürger vor Ort weitreichende Folgen, sondern auch für hunderttausende Hörer an den Rundfunkgeräten.

Anfrage der Reichsrundfunk GmbH an die Garnisonkirche

Selbst während des Zweiten Weltkriegs wurden Orgel- und Glockenspielkonzerte aus der Garnisonkirche mittels Rundfunk ins gesamte Deutsche Reich gesendet. Meist oblag die Auswahl der Musikstücke dem Kantor Prof. Becker, der wie in diesem Falle natürlich auch die Kriegslage berücksichtigte und gleich als erstes Stück die Trauerode von Max Reger vorschlug, die dem Gedenken der im Krieg 1914/15 Gefallenen gewidmet war. Die Rundfunkübertragung und das Konzert konnten wegen der wiederholten Luftangriffe an diesem Sommeranfangstag jedoch nicht stattfinden, wie handschriftlich auf dem Dokument vermerkt wurde.